Zum Inhalt springen
Sie befinden sich hier: tala-med » Behandelnde » Arzt-Patienten-Gespräch » Motivierende Gesprächsführung

Motivierende Gesprächsführung

Die europäische Leitlinie zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen empfiehlt den Einsatz von verhaltenspsychologischen Strategien (z. B. Motivational Interviewing), um Lebensstiländerungen zu erleichtern [13]. Diese sollen in multidisziplinären Kontexten (mit z. B. Ernährungswissenschaftler*innen, Psycholog*innen) und bei stark erhöhtem kardiovaskulärem Risiko in multimodalen Interventionen eingesetzt werden (inkl. Edukation, körperliche Aktivität, Stressmanagement und Beratung zu psychosozialen Risikofaktoren) [13].

Der Hausarzt * die Hausärztin ist hier einerseits eine wichtige Ansprechperson für die Patient*innen, andererseits wird ihm*ihr auch die Rolle eines Initiators * einer Initiatorin zuteil.

NVL-Empfehlungen
Zur Lebensstiloptimierung hat die NVL verschiedene Empfehlungen ausgesprochen, die Sie unter » Nicht-medikamentöse Behandlung in einer Übersicht finden können.

Motivierende Gesprächsführung: Ein evidenzbasierter Ansatz für die ärztliche Praxis

Es zeigen sich in der medizinischen Versorgung hinsichtlich verschiedener gesundheitsrelevanter Verhaltensweisen statistisch signifikante gemittelte Interventionseffekte von MI gegenüber Standardbehandlung und unbehandelten Kontrollen (Odds Ratio: 1,55; 95%-Konfidenzintervall: [1,40; 1,71]) [2]. MI scheint am wirksamsten zu sein, wenn es darum geht, ungesunde Verhaltensweisen wie Binge Drinking, Verringerung der Menge und Häufigkeit des Alkoholkonsums, Rauchen und Drogenmissbrauch zu beenden oder zu verhindern. MI ist ein effektiver, evidenzbasierter Ansatz und dient der Erhöhung von Veränderungsmotivation bei verschiedenen verhaltensbedingten Gesundheitsproblemen und der Förderung von Behandlungsadhärenz. Es kann zum Erfolg von ärztlichen Interventionen beitragen und die Beziehung zwischen Ärzt*in und Patient*in sowie die Effizienz der Konsultation verbessern [2-7].

Details zur Evidenz

Ein positiver Effekt der motivierenden Gesprächsführung konnte im Bezug auf die folgenden Endpunkte festgestellt werden:

  • MI durch Allgemeinmediziner*innen: In zwei Dritteln der Studien wurde eine signifikante Verbesserung bei mindestens einem der folgenden patientenbezogenem Endpunkt festgestellt: Gesamtcholesterin, Lipoproteine niedriger Dichte, Nüchternblutzucker, HbA1c, Body-Mass-Index, Blutdruck, Taillenumfang und körperliche Aktivitäten [5].
  • Gewichtskontrolle bei Frauen: Die Effektstärke von MI bezogen auf die Verringerung des Körpergewichts (kg) betrug 0,19 (95%-Konfidenzintervall: [– 0,13, 0,26]; p < 0,01), und die Effektstärke von MI bezogen auf die Verringerung des BMI betrug 0,35 (95%-Konfidenzintervall: [0,12, 0,58]; p < 0,01) [6].

Keine oder nicht ausreichende Evidenz für einen Nutzen der motivierenden Gesprächsführung wurde in folgenden Kontexten gefunden:

  • Der Effekt von MI zur Rauchentwöhnung ist gering: Die Wahrscheinlichkeit, mit dem Rauchen aufzuhören, war geringfügig höher, wenn die Personen MI erhielten, als wenn sie eine andere Behandlung zur Rauchentwöhnung erhielten [7].
  • Behandlung von Jugendlichen mit Adipositas: MI allein scheint bei der Behandlung von Übergewicht und Adipositas bei Jugendlichen nicht wirksam zu sein [8].

Methoden und Techniken

Die motivierende Gesprächsführung (MI) ist ein Gesprächsstil, um mit den Patient*innen in Kontakt zu treten, ihre Stärken und Wünsche zu klären, ihre eigene Motivation für Veränderungen zu wecken und ihre Entscheidungsfreiheit zu fördern. MI wird nicht an Patient*innen durchgeführt, sondern mit ihnen. Somit tragen die Patient*innen selbst zum Erfolg einer Verhaltensänderung und zur Gesundheitsverbesserung bei. Der*die Behandelnde wirkt unterstützend auf dem Weg, die geeigneten Ressourcen dafür zu erlangen. Die Kommunikation findet auf Augenhöhe statt [4, 9, 10].

Der Weg zur motivierenden Gesprächsführung

Die Motivierende Gesprächsführung orientiert sich nach Carl Rogers an der Haltung des Patienten * der Patientin. Sie können sich MI in drei Schritten aneignen:

  1. Üben Sie einen lenkenden und nicht einen dirigierenden Gesprächsstil.
  2. Entwickeln Sie Strategien, um die eigene Motivation des*der Betroffenen zur Veränderung herauszufinden.
  3. Verfeinern Sie Ihre Zuhörfähigkeiten und reagieren Sie darauf, indem Sie zu Gesprächen über Veränderungen ermutigen [4].

Techniken

Konkrete Techniken, die bei MI eingesetzt werden, lassen sich unter dem Überbegriff OARS (engl. Ruder) zusammenfassen [9]:

  • Open-ended questions: Stellen Sie offene Fragen.
  • Affirmation: Bestätigen und bekräftigen Sie die Betroffenen.
  • Reflective listening: Hören Sie aktiv zu und geben Sie Rückmeldungen zum Gesagten.
  • Summarizing: Fassen Sie zusammen, wie Sie die Patient*innen verstanden haben.
10 nützliche Fragen für Motivierende Gesprächsführung
  • Über welche Veränderungen würden Sie am liebsten sprechen?
  • Was haben Sie über … festgestellt?
  • Wie wichtig ist Ihnen die Veränderung von … ?
  • Wie zuversichtlich sind Sie, was die Veränderung von … betrifft?
  • Worin sehen Sie die Vorteile von … ?
  • Worin sehen Sie den Nachteil von … ?
  • Was würde für Sie am meisten Sinn machen?
  • Wie könnten die Dinge anders sein, wenn Sie … ?
  • Auf welche Weise … ?
  • Was bedeutet das jetzt für Sie?

Quelle: [4]

Gesprächsführung will geübt sein

Wenn Sie sich dazu entschließen, Motivational Interviewing als neue Komponente in Ihre Konsultation aufzunehmen, ist es wichtig sie praktisch zu üben. Denn die Gesprächstechnik wird zumindest in Teilen wahrscheinlich Änderungen Ihrer Gewohnheiten beinhalten, die sich im Austausch mit Gleichgesinnten festigen lassen.

An vielen Universitäten werden dazu Kurse angeboten, in denen Interessierte neben den Grundlagen auch die Anwendung von Motivational Interviewing lernen können. Sie profitieren stark davon, wenn die Dialogsituation konkret geübt wird.

Mehr Hintergründe: Gesundheitspsychologische Modelle zur Verhaltensänderung

Die Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien deutet darauf hin, dass theoriegestützte Interventionen Verhaltensänderungen ermöglichen. Dazu haben Barley und Lawson fünf bewährte Theorien zur Verhaltensänderung vorgestellt und ihren Effekt untersucht [11]:

  1. Das Health Belief Model (Modell gesundheitlicher Überzeugung)
  2. Die Theorie des geplanten Verhaltens
  3. Das Transtheoretische Modell (Stages of Change Model)
  4. Die Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT)
  5. Die Theorie der zeitlichen Selbstregulierung.

Mithilfe dieser Modelle können Behandelnde Faktoren erkennen, die Verhaltensänderungen beeinflussen (wie etwa gesundheitliche Überzeugungen, vergangenes Verhalten, Intentionen, die wahrgenommene Kontrolle oder den Kontext des Verhaltens). Sind diese Faktoren bekannt, können Behandelnde verstehen, weshalb Patient*innen bestimmte empfohlene Verhaltensänderungen manchmal schwer fallen und sie können dann Hilfestellungen ausmachen [11].

Beschäftigen Sie sich bei Interesse tiefergehend mit den gesundheitspsychologischen Ansätzen, um die Kommunikation mit Ihren Patient*innen erfolgreich zu gestalten. Im anwendungsbezogenen Modell nach Robert Harper wird beispielsweise thematisiert, wie die Persönlichkeit von Patient*innen den Verlauf von Erkrankungen beeinflussen und mit ihm interagieren kann. Einige praktische Orientierungshilfen bieten Anstöße für die alltägliche Konsultation [12].

Literatur

[1] Larsen JH & Neighbour R: Five cards: a simple guide to beginning the consultation. British Journal of General Practice 2014; 64 (620): 150-151. DOI: 10.3399/bjgp14X677662.

[2] Bischof G, Bischof A & Rumpf HJ: Motivierende Gesprächsführung: Ein evidenzbasierter Ansatz für die ärztliche Praxis. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 109-115; DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0014.

[3] Frost H, Campbell P, Maxwell M, O’Carroll RE, Dombrowski SU, Williams B, Cheyne H, Coles E & Pollock A. Effectiveness of Motivational Interviewing on adult behaviour change in health and social care settings: A systematic review of reviews. PLoS One. 2018 Oct 18; 13(10):e0204890. DOI: 10.1371/journal.pone.0204890.

[4] Rollnick S, Butler CC, Kinnersley P, Gregory J & Mash B: Motivational interviewingBMJ 2010; 340:c1900, DOI: 10.1136/bmj.c1900.

[5] Thepwongsa I, Muthukumar R & Kessomboon P: Motivational interviewing by general practitioners for Type 2 diabetes patients: a systematic review. Fam Pract. 2017 Aug 1; 34(4): 376-383. DOI: 10.1093/fampra/cmx045.

[6] Suire KB, Kavookjian J, Feiss R & Wadsworth DD: Motivational Interviewing for Weight Management Among Women: a Meta-Analysis and Systematic Review of RCTs. Int J Behav Med 2021 Aug; 28(4): 403-416. DOI: 10.1007/s12529-020-09934-0.

[7] Lindson N, Thompson TP, Ferrey A, Lambert JD & Aveyard P: Motivational interviewing for smoking cessation. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 7. Art. No.: CD006936. DOI: 10.1002/14651858.CD006936.pub4.

[8] Vallabhan MK, Jimenez EY, Nash JL, Gonzales-Pacheco D, Coakley KE, Noe SR, DeBlieck CJ, Summers LC, Feldstein-Ewing SW & Kong AS: Motivational Interviewing to Treat Adolescents With Obesity: A Meta-analysis. Pediatrics 2018 Nov; 142 (5): e20180733. DOI: 10.1542/peds.2018-0733.

[9] Biskupek-Kräker S, Gotsmich S, Arato T, Gleißner J, Männel C & Pscherer J: Qualitätszirkelmodul: Arzt-Patienten-Kommunikation. Kassenärztliche Bundesvereinigung, Januar 2021 (2. Auflage)

[10] Bencic W: Gesundheitskompetenz-Coaching. Handbuch für die Sozialversicherung. Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger, September 2017 (2. Auflage).

[11] Barley E & Lawson V: Using health psychology to help patients: theories of behaviour change. Br J Nurs. 2016 Sep 8; 25(16): 924-927. DOI: 10.12968/bjon.2016.25.16.924.

[12] Harper RG (2004): Personality-Guided Therapy in Behavioral Medicine. American Psychological Association. DOI: 10.1037/10650-000.

[13] Piepoli MF, Hoes AW, Agewall S, Albus C, Brotons C, Catapano AL, Cooney MT, Corrà U, Cosyns B, Deaton C, Graham I, Hall MS, Hobbs FDR, Løchen ML, Löllgen H, Marques-Vidal P, Perk J, Prescott E, Redon J, Richter DJ, Sattar N, Smulders Y, Tiberi M, van der Worp HB, van Dis I, Verschuren WMM, Binno S: 2016 European Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J. 2016 Aug 1;37(29):2315-2381. doi: 10.1093/eurheartj/ehw106.