Der hier dargestellte Algorithmus begleitet Sie ab dem Verdacht oder Risiko für Bluthochdruck bis hin zu einer leitliniengerechten Diagnosestellung mit aktuellen Empfehlungen. Der Algorithmus ist der NVL Hypertonie entnommen [1]. Ein ähnliches Flowchart zum Einsatz von Medikamenten finden Sie unter » Medikation.

Hinweis: Die Diagnostik ist hier in einem Flowchart umgesetzt. Dieses kann auf mobilen Endgeräten nicht gut dargestellt werden. Wir empfehlen daher die Nutzung eines größeren Bildschirms (etwa Laptop / Desktop).
Wählen Sie für die erste Blutdruckmessung aus, ob es sich um einen Verdacht auf Hypertonie handelt oder Risiko für Hypertonie besteht:
NVL Hypertonie: Bestätigungsdiagnostik bei Verdacht auf Hypertonie
Patient*in mit
- Symptomen einer Hypertonie ODER
- etablierten Endorganschäden

Praxisblutdruckmessung
Bei Patient*innen mit Symptomen einer Hypertonie, mit erhöhten Blutdruckwerten in einer vorangegangenen Zufallsmessung oder sogar mit bereits etablierten Endorganschäden wird empfohlen, unabhängig von dem Ergebnis einer Praxisblutdruckmessung eine 2. Blutdruckmessung vorzunehmen. Ziel ist es vor allem, falsch negative Befunde zu identifizieren.
In einer ersten Blutdruckmessung wird außerdem geprüft, ob eine Blutdruckdifferenz zwischen den Armen der Patient*innen vorliegt, um künftig an dem Arm mit dem höheren Wert zu messen.
Messverfahren
- Vorbereitung: min. 5 Minuten Ruhe, in der Regel sitzende Position
- Messungen: dreimal in Folge am Oberarm mit 2 Minuten Abstand
- Ergebnis: Mittelwert der 2. und 3. Messung
- Cut-off-Wert: ≥ 140 / 90 mmHg
- Vorbereitung: min. 5 Minuten Ruhe, in der Regel sitzende Position
- Messungen: am Oberarm; bei Auffälligkeit erneute Messung nach 5 Minuten Ruhe in sitzender Position.
- Ergebnis: letzter gemessener Wert
- Cut-off-Wert: ≥ 140 / 90 mmHg
NVL Hypertonie: Bestätigungsdiagnostik bei Risiko für Hypertonie
Patient*in mit
- Risikofaktoren für eine Hypertonie ODER
- mindestens hochnormalem Blutdruckwert in einer Zufallsmessung ODER
- kardiovaskulären Risikofaktoren
- Adipositas
- Tabakkonsum
- Riskanter Alkoholkonsum
- Diabetes mellitus
- Hyperlipidämie
- Bewegungsmangel
- Stress

Praxisblutdruckmessung
In einer ersten Blutdruckmessung wird geprüft, ob eine Blutdruckdifferenz zwischen den Armen der Patient*innen vorliegt, um künftig an dem Arm mit dem höheren Wert zu messen.
Messverfahren
- Vorbereitung: min. 5 Minuten Ruhe, in der Regel sitzende Position
- Messungen: dreimal in Folge am Oberarm mit 2 Minuten Abstand
- Ergebnis: Mittelwert der 2. und 3. Messung
- Cut-off-Wert: ≥ 140 / 90 mmHg
- Vorbereitung: min. 5 Minuten Ruhe, in der Regel sitzende Position
- Messungen: am Oberarm; bei Auffälligkeit erneute Messung nach 5 Minuten Ruhe in sitzender Position.
- Ergebnis: letzter gemessener Wert
- Cut-off-Wert: ≥ 140 / 90 mmHg

Wert ≥ 140 / 90 mmHg?


Weiter bei Zweite Blutdruckmessung.


Kontrolle des Blutdrucks in einem Jahr.

Zweite Blutdruckmessung
| Empfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|
| Besteht bei Patient*innen nach der Praxisblutdruckmessung weiterhin der Verdacht auf eine Hypertonie, soll eine ambulante 24h Blutdruckmessung empfohlen werden. | ↑↑ |
| Ist eine ambulante 24h-Blutdruckmessung nicht verfügbar oder wird sie von Patient*innen nicht akzeptiert, sollte eine Heimblutdruckmessung mit einem validierten Gerät erfolgen, in das die Patient*innen eingewiesen wurden. | ↑ |
| Sind eine 24h-Blutdruckmessung und eine Heimblutdruckmessung nicht verfügbar oder werden sie von Patient*innen nicht akzeptiert, sollte eine erneute Praxisblutdruckmessung nach drei bis vier Wochen erfolgen. | ↑ |
| Die erneute Praxisblutdruckmessung nach 3 bis 4 Wochen sollte nicht als alleiniges Messverfahren zum Ausschluss der Diagnose Hypertonie herangezogen werden. | ↓ |
Legende: Pfeilsystem der Empfehlungsgrade
In diesem Portal werden die Symbole für Empfehlungsgrade aus der NVL verwendet.
| ↑↑ | Starke Positiv-Empfehlung | "soll" |
| ↑ | Abgeschwächte Positiv-Empfehlung | "sollte" |
| ↔ | Offene Empfehlung | "kann" |
| ↓ | Abgeschwächte Negativ-Empfehlung | "sollte nicht" |
| ↓↓ | Starke Negativ-Empfehlung | "soll nicht" |

Ergebnis über dem Cut-off-Wert?
Abhängig vom Messverfahren werden die zu beurteilenden Werte unterschiedlich ermittelt. Sie ergeben dann eine Eingruppierung in die Schweregrade.
Ermittlung der Grenzwerte
Je nach Verfahren empfiehlt die NVL Hypertonie verschiedene Grenzwerte.
- Tagesmittelwert: ≥ 135 / 85 mmHg
- 24h-Wert: ≥ 130 / 80 mmHg
- nächtlicher Mittelwert: ≥ 120 / 70 mmHg
- Ergebnis: Mittelwert aller Messwerte über einen Zeitraum von 7 Tagen
- Cut-off-Wert: ≥ 135 / 85 mmHg
- Ergebnis: Variante 1 = Mittelwert der 2. und 3. Messung, Variante 2 = letzter gemessener Wert
- Cut-off-Wert: ≥ 140 / 90 mmHg
Definition der Schweregrade einer Hypertonie
Bluthochdruck kann verschiedene Schweregrade annehmen (siehe Tabelle). Ab Grad 1 liegt Bluthochdruck (arterielle Hypertonie) vor:
| Kategorie | Systolisch (mmHg) | Diastolisch (mmHg) | |
|---|---|---|---|
| Normal | 120-129 | und / oder | 80-84 |
| Hochnormal | 130-139 | und / oder | 85-89 |
| Hypertonie Grad 1 | 140-159 | und / oder | 90-99 |
| Hypertonie Grad 2 | 160-179 | und / oder | 100-109 |
| Hypertonie Grad 3 | ≥ 180 | und / oder | ≥ 110 |
| Isolierte systolische Hypertonie * | ≥ 140 | und | < 90 |
Nationale VersorungsLeitlinie Hypertonie: Kapitel 1, Tabelle 2, S. 10
Blutdruck kann aber auch zu niedrig sein. Ein optimaler Blutdruckwert ist von Person zu Person unterschiedlich und sollte immer ärztlich abgeklärt werden.
Ergibt die Messung einen Blutdruck über dem Cut-off-Wert (z. B. 140 / 90 mmHg bei Praxismessung)?


Hypertonie bestätigt

Weiter bei Basisdiagnostik.


Kontrolle des Blutdrucks in einem Jahr.
(Ausnahme Praxisblutdruckmessung, siehe Zweite Blutdruckmessung)

Im Zentrum des Arzt-Patienten-Gesprächs sollten die Patient*innen stehen. Bevor die Symptome erfragt werden, bitten Sie die Patient*innen, zunächst von sich zu berichten (etwa zu Vorstellungen, Befürchtungen, Erwartungen, siehe » Patientenzentrierte Konsultation).
Anamnese
Die hypertoniespezifische Anamnese sollte wie folgt strukturiert sein.
Aktuelle Symptomatik
Fragen Sie die Patient*innen, ob folgende Symptome aktuell auftreten (oder in der jüngeren Vergangenheit aufgetreten sind).
- Kopfschmerz
- Schwindel, Synkopen
- kognitive Einschränkungen
- Visusminderung
- Ruhe- oder Belastungsdyspnoe
- Angina pectoris
- Palpitationen oder Tachykardie
- Claudicatio intermittens, kalte oder nekrotische Gliedmaßen
- Ödeme
- sensorische oder motorische Defizite
- auffälliger Urin (Hämaturie, schäumender Urin, Nykturie)
- Männer: erektile Dysfunktion
Eigen- und Familien-Anamnese (inkl. familiärer Häufungen)
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen (z. B. Koronare Herzkrankheit, Herzinfarkte, Herzinsuffizienz, Interventionen an den Gefäßen, inkl. der Karotiden oder der Koronararterien)
- Schlaganfall, transitorische ischämische Attacke
- Diabetes mellitus
- Dyslipidämie
- Nierenerkrankung
- obstruktives Schlafapnoe-Syndrom
- Frauen: Bluthochdruck während stattgehabter Schwangerschaften
Medikamentenanamnese
- antihypertensive Medikation aktuell und in der Vergangenheit (inkl. Wirksamkeit und Verträglichkeit)
- Medikamente, die mit einer Erhöhung des Blutdrucks einhergehen können (z. B. Analgetika, orale Kontrazeptiva, Immunsupressiva, Antidepressiva, systemische Kortikosteroide)
- Unverträglichkeiten gegen Medikamente
- Adhärenz - Barrieren
Lebensstilanamnese
- Trinkmenge
- Essverhalten, inkl. Salz-, Lakritz- und Koffeinkonsum
- Nahrungsergänzungsmittel, insbesondere Fitness- oder Diät-Produkte
- Raucherstatus, Alkoholkonsum, Drogenkonsum
- körperliche Betätigung, Sport
- Schlafstörungen, Schnarchen
- aufgehobener Tag-Nacht-Rhythmus des Blutdrucks (Hinweis auf sekundäre Hypertonie)
- Stress bzw. Stressoren

Körperliche Untersuchung
Schwerpunkte der körperlichen Untersuchung sollten sein:
- Größe, Gewicht, BMI, ggf. Taillen- und Hüftumfang
- Auskultation von Herz und Karotiden
- Inspektion und Palpation der unteren Extremität (insb. im Hinblick auf Ödeme oder Stauungszeichen)
- Palpation der peripheren Arterien
- Orientierende neurologische Untersuchung, ggf. mit Beurteilung des kognitiven Status
BMI-Rechner
Was das Ergebnis bedeutet:
| unter 18,5 | Untergewicht |
| 18,5 bis 25 | Normalgewicht |
| 25 bis 30 | Übergewicht (Präadipositas) |
| 30 bis 35 | Adipositas Grad I |
| 35 bis 40 | Adipositas Grad II |
| Über 40 | Adipositas Grad III |
Die anzustrebenden Werte für Frauen sind etwas geringer als die Werte für Männer. Der als normal geltende BMI steigt geringfügig mit zunehmendem Alter. Bei der Beurteilung des BMI sollte neben Alter und Geschlecht auch der Anteil der Muskulatur berücksichtigt werden.

Labordiagnostik
| Empfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|
| Allen Patient*innen mit bestätigter Diagnose Hypertonie soll die Bestimmung folgender Parameter empfohlen werden: – Natrium, – Kalium, – eGFR (Serumkreatinin), – Lipidstatus, – Nüchternplasmaglukose, ggf. HbA1c – Urinstatus (z. B. mittels Urinstreifentest). | ↑↑ |

Basisdiagnostik von Endorganschäden
| Empfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|
| Allen Personen mit bestätigter Diagnose Hypertonie sollte zur Identifikation von Endorganschäden ein Ruhe-EKG mit zwölf Ableitungen empfohlen werden. | ↑ |
| Patient*innen mit chronischer Nierenerkrankung (GFR < 60 ml/min) soll bei Erstdiagnose der Hypertonie eine Bestimmung der Albumin-Kreatinin Ratio im Urin empfohlen werden. | ↑↑ |
| Patient*innen mit Hypertonie ohne bekannte chronische Nierenerkrankung sollte bei Erstdiagnose der Hypertonie eine Bestimmung der Albumin-Kreatinin Ratio im Urin empfohlen werden. | ↑ |
Ziel der empfohlenen Untersuchungen ist es, Patient*innen zu identifizieren, die durch die Hypertonie bereits kardiovaskuläre Folgeschäden aufweisen.

ggf. erweiterte Diagnostik von Endorganschäden
Werden auffällige Werte in der Basisdiagnostik von Endorganschäden beobachtet, sollte eine weiter führende Diagnostik angeschlossen werden.

Für eine Übersicht der Symptome und Verdachtsdiagnosen gehen Sie zu den » klinischen Hinweisen für eine sekundäre Hypertonie.
| Empfehlung | Empfehlungsgrad |
|---|---|
| Ergibt sich bei Patient*innen der Verdacht auf eine sekundäre Hypertonie, soll die weitere Diagnostik bei Fachärzt*innen erfolgen, die für die Verdachtsdiagnose spezialisiert sind. | ↑↑ |

Die Behandlung sollte gut geplant und mit den Betroffenen besprochen werden. Bevor eine medikamentöse Therapie eingeleitet wird, sollen nicht-medikamentöse Maßnahmen ergriffen werden.
Mehr dazu unter » Therapieplanung und auf der Patienten-Seite unter » Therapie-Team werden.
Mehr zu Kommunikation auf Augenhöhe unter » Arzt-Patienten-Gespräch.