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Versorgungskoordination

Arterielle Hypertonie sollte im multidisziplinären Verbund verschiedener Fachärzt*innen sowie Angehöriger von Gesundheitsberufen erfolgen. Koordiniert wird die Behandlung durch die Hausärztin * den Hausarzt.

Langzeitbetreuung und Dokumentation

Während der Behandlung der arteriellen Hypertonie ist der Hausarzt * die Hausärztin die Haupt-Ansprechperson für Patient*innen.

NVL-Empfehlung
EmpfehlungEmpfehlungsgrad
Die Langzeitbetreuung der Patient*innen und deren Dokumentation sollte in der Regel durch den Hausarzt oder die Hausärztin erfolgen.
Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie: Kapitel 9, Empfehlung 9-1, S. 92

Dadurch wird Hausärzt*innen eine zentrale Rolle in der Behandlung zuteil, die auch koordinative Aspekte beinhaltet, wie etwa die sektor- und einrichtungsübergreifende Zusammenarbeit mit anderen Fachgebieten.

Kooperation mit anderen medizinischen Fachgebieten

Sind weitere Behandlungen in anderen Fachbereichen wie etwa der Kardiologie indiziert, soll die Behandlung in Abstimmung mit den anderen Sektoren und behandelnden Fachärzt*innen erfolgen.

NVL-Empfehlung
EmpfehlungEmpfehlungsgrad
Bei Betroffenen mit arterieller Hypertonie sollte die Behandlung in Kooperation mit anderen Fachgebieten insbesondere bei den in der nachstehenden Tabelle aufgeführten Konstellationen erfolgen.
Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie: Kapitel 9, Empfehlung 9-2, S. 92

In den nachfolgenden Fällen soll die Behandlung in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Fachärzt*innen erfolgen [1].

FachgebietKonstellationen für Abstimmung oder Überweisung
Endokrinologie und Diabetologie– Abklärung sekundärer Ursachen der Hypertonie (s. a. Empfehlung 3-6)
– Nicht-Erreichen individueller Therapieziele (z. B. HbA1c-Zielwert)
– schwierige Stoffwechseleinstellung/antidiabetische Differentialtherapie
Frauenheilkunde und Geburtshilfe– hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft: Weiterbetreuung nach dem Wochenbett
– Nachsorge bei hypertonen Erkrankungen oder Präeklampsie / Eklampsie / HELLP (Betreuung durch Fachärzt*innen für Frauenheilkunde und Geburtshilfe bis zum Ende des Wochenbettes (max. 8 Wochen nach Entbindung); Abstimmung mit Hausärzt*innen/Internist*innen)
Hypertensiolog*in / Hypertoniezentren (zertifiziert)– schwer einstellbare Hypertonie, Abklärung sekundärer Ursachen der Hypertonie
– Indikationsstellung für bzw. Durchführung der renalen Denervation sowie ggf. der Barorezeptorstimulation
Kardiologie– Verdacht auf Belastungshypertonie
– Verdacht auf kardiovaskuläre Endorganschäden
– Notfallmanagement und / oder zusätzliche Beschwerden / Komorbidität
Nephrologie– Abfall der eGFR um > 20% oder eine glomeruläre Filtrationsrate (GFR) < 45 ml/min/1,73 m2 (s. a. Empfehlung 3-4 sowie Empfehlung 3-5 b-c)
– Verdacht auf Nierenarterienstenose
– neu aufgetretene Proteinurie
Psychosomatik / Psychotherapie– Verdacht auf Angststörung sowie bei deutlicher psychophysiologischer Komponente der Hypertonie (z. B. wiederholte Entgleisungen in Stress-Situationen)
– bei persistierender Adhärenzproblematik
weitere– Abstimmung der Dauermedikation (z. B. Analgetika, Antirheumatika, Immunsupressiva: Abstimmung mit / Überweisung an Rheumatologie, Orthopädie)
– bei klinischen Hinweisen auf therapiebedürftige schlafbezogene Atmungsstörungen (Abstimmung mit/Überweisung an Pneumologie, HNO, Schlafmedizin)
– ätiologisch relevante Suchterkrankung (Abstimmung mit der Psychiatrie)
– wenn aus Multimorbidität und Polypharmazie komplexe Fragestellungen resultieren (Abstimmung mit Geriatrie, Nephrologie und Einbindung von Apotheker*innen)

Aktive Rolle von Pflege und MFAs

Mitarbeitende aus der Pflege sowie medizinische Fachangestellte sollen aktiv in die Behandlung und auch in die Planung der Versorgung einbezogen werden.

NVL-Empfehlung
EmpfehlungEmpfehlungsgrad
Pflegekräfte und medizinische Fachangestellte, die an der Betreuung von Patient*innen mit arterieller Hypertonie beteiligt sind, sollten aktiv auch in die Versorgungsplanung eingebunden werden.
Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie: Kapitel 9, Empfehlung 9-3, S. 94

Einerseits geht es hierbei um Arbeitsteilung und Delegieren von konkreten Aufgaben wie Blutdruckmessungen, aber auch planerische Tätigkeiten wie Therapiebegleitung, Adhärenzförderung oder eine intensivierte Versorgung von Patient*innen mit komplexen Krankheitsbildern.

Andererseits sollen, wo ärztliche Leistungen delegiert werden, die ausführenden Mitarbeitenden in die Planung von Therapie und Versorgung im Allgemeinen eingebunden werden, um eine gute Kommunikation und Zusammenarbeit zu ermöglichen. Ein Schadenspotenzial sieht die Leitliniengruppe hierbei nicht. Der sogenannte Shared-Care-Ansatz führt in Studien statistisch betrachtet nicht zu Nachteilen für die Behandlung. Im Gegenteil konnten leichte Verbesserungen im Vergleich zu nur durch Ärzt*innen betreute Therapien beobachtet werden, was Blutdruckwerte, Gesundheitsstatus, Zufriedenheit der Patient*innen und deren Lebensqualität angeht [2].

In welchen Fällen welche Tätigkeiten und Leistungen an nicht-ärztliche Kolleg*innen übertragen werden, muss nach individuellen Gesichtspunkten des vorliegenden Falls, der Kapazitäten und der Notwendigkeit je nach Versorgungsstruktur vom Arzt * von der Ärztin entschieden werden.

Einbinden von Apotheker*innen

NVL-Empfehlung
EmpfehlungEmpfehlungsgrad
Apotheker*innen sollten in die multidisziplinäre Versorgung von Patient*innen mit arterieller Hypertonie eingebunden werden.
Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie: Kapitel 9, Empfehlung 9-4, S. 97

Da der Zugang zu Apotheken in der Regel gut verfügbar ist und sie von Patient*innen häufig ohnehin besucht werden, können Versorgungsleistungen niedrigschwellig angeboten werden. Zu den Interventionen, die durch Apotheker*innen übernommen werden können, zählen

Um hierbei Unklarheiten oder Verunsicherungen der Patient*innen vorzubeugen, ist eine genaue Abstimmung zwischen Apotheker*innen und Hausärzt*innen besonders wichtig. Die Interventionen, die von Apotheker*innen übernommen werden, sollen sich in ein ärztliches Gesamtkonzept der Therapie einordnen. Dann kann die Ausweitung der Angebote für Menschen mit chronischen Erkrankungen auf Apotheken eine gute und zielführende Ergänzung sein [3].

Selbsthilfe und Rehabilitation

Als die Therapie begleitende Maßnahmen können Selbsthilfe und Rehabilitation die Behandlung ergänzen und unterstützen.

Wann ist Selbsthilfe indiziert?

Angebote der Selbsthilfe können für bestimmte Hypertonie-Patient*innen sehr hilfreich sein und etwa die Verlässlichkeit und Motivation fördern. Zwar besteht bei unkomplizierter Hypertonie oft kein hoher Leidensdruck oder kein Bedürfnis nach Selbsthilfe. Kommen allerdings die nachfolgenden Aspekte oder Bedarfe im Arzt-Patienten-Gespräch zur Sprache, sollten Ärzt*innen aktiv auf die Angebote der Selbsthilfe hinweisen:

  • hohe Krankheitslast
  • hoher Leidensdruck
  • krankheitsbedingt belastende persönliche Situation
  • Einschränkung der Lebensqualität
  • Komorbidität
  • Wunsch / Interesse zum Austausch mit Betroffenen.

Inanspruchnahme von Selbsthilfe-Angeboten

Wenn Selbsthilfe-Angebote genutzt werden, ist eine Einbindung in die ärztliche Versorgung und Therapieplanung wichtig.

Bei Selbsthilfe-Angeboten ist insbesondere auf Verlässlichkeit und Unabhängigkeit zu achten, die Vertrauenswürdigkeit wird etwa durch transparent erkennbare Träger und Finanzierung erhöht. Behandelnde können ihre Patient*innen auf weiterführende Informationen hinweisen:

Rehabilitation

Zwischen der Inzidenz von Bluthochdruck und Lebensstilfaktoren wie z. B. Bewegungsarmut, ungesunder Ernährung und gescheitertem Stressmanagement besteht ein starker Zusammenhang. Soll der Lebensstil verändert werden, ist Rehabilitation daher durchaus indiziert. Bei einer therapeutisch gut eingestellten arteriellen Hypertonie ohne weitere Komorbidität oder Morbidität nach invasiven Eingriffen sieht die NVL keine eigene Indikation für Rehabilitation. [4]

Mehr zu Lebensstiländerungen finden Sie unter » nichtmedikamentöse Behandlung und auf den Patient*innen-Seiten unter » Was kann ich selbst tun.

Literatur

[1] Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Hypertonie, Kapitel: Versorgungskoordination, S. 92. f. 2023. Nachfolgend „NVL“.

[2] NVL, S. 95

[3] NVL, S. 97

[4] NVL, S. 99 f